« zurück

Architekturquartett: Wie viel Bauhaus steckt in diesen Bauten?

Beim 13. Architekturquartett ging es erstmals nicht um Neubauten, sondern um wiederentdeckte und wiederbelebte Objekte aus der Bauhaus-Ära. „Bauhaus ist kein Stil“, war das Credo des Abends am 6. Juni, an dem über 200 Interessierte Kammermitglieder und Baukulturfreunde im Stadtwaldhaus Krefeld eine facettenreiche Diskussion darüber erlebten, ob und inwiefern die vorgestellten Objekte tatsächlich dem Bauhaus im engeren Sinne zuzurechnen seien.

Sie hätten unterschiedlicher nicht sein können, und doch wiesen sie ein verbindendes Element auf: Alle drei Objekte, die beim 13. Architekturquartett der Architektenkammer NRW in Krefeld diskutiert wurden, sind zur Zeit der Moderne entstanden und erst vor wenigen Jahren faktisch wiederentdeckt und dann revitalisiert worden.

Da wäre zum Beispiel die „Siedlung Schlieper“ in Iserlohn, die in den 1920er Jahren nach Plänen des jungen Architekten und Stadtbaurats Theodor Hennemann im Rahmen des Notwohnungsbaus entstand. Sie gehört zu den wenigen Siedlungen dieser Art in Westfalen, die streng an der Moderne orientiert sind. Und da ist das „Landhaus Ilse“, eine Kopie des „Haus am Horn“ von Georg Muche. Wie kam es dazu, dass solch ein radikaler Entwurf in der siegerländischen Provinz nachgebaut wurde? Und zuletzt ist da der einzige Industriebau von Mies van der Rohe, geplant für den Textilunternehmensverbund VerSeidAG in Krefeld. Die klare Formensprache, Multifunktionsräume mit variablen Grundrissen - all das wird heute unter völlig neuen Vorzeichen im Rahmen eines Gewerbeparks genutzt und erscheint zeitgemäßer denn je. 

„Wieviel Bauhaus steckt in diesen Bauten? Welches Potenzial entfalten diese Bauwerke heute noch?“, fragte AKNW-Pressesprecher Christof Rose bei einer einleitenden Vorstellung der Objekte. Die Diskutanten des 13. Architekturquartetts NRW im Krefelder Stadtwaldhaus waren sich in ihrer grundlegenden Haltung einig. „Es hat eine Ausweitung des Begriffs Bauhaus auf einen Stil, eine Epoche stattgefunden“, sagte Christiane Lange, Vorsitzende des Vereins Mies van der Rohe in Krefeld (MIK) und Urenkelin von Hermann Lange, einem ehemaligen Geschäftsführer der VerSeidAG.  Die schlicht und einfach geplante Schliepersiedlung könne man auch für „ganz normale funktionale Architektur“ halten. 

Prof. Thorsten Scheer lehrt Architekturhistorie an der Behrens School of Art. Er ging noch einen Schritt weiter und übte grundlegende Kritik am heutigen Umgang mit dem Bauhaus-Begriff: „Satteldach, weiße Fassade - das ist für viele gleich Bauhaus. Bauhaus hätte nie ein Stil werden dürfen, es ist aber so gekommen. Das ist ein Drama.“  Dennoch waren sich die Diskutanten einig, dass die Notwohnsiedlung Schlieper - wenn auch nur vom Bauhaus inspiriert - ein gutes Beispiel dafür ist, wie die Moderne ihre Spuren hinterlassen hat. Zudem zeige sich, dass pragmatische Architektur Bestand hat. 

Ganz anders fiel das Urteil beim Landhaus Ilse aus, der einzig bekannten Kopie des „Haus am Horn“ in Weimar. Dieser avantgardistische Entwurf von Georg Muche war ursprünglich als reiner Showroom geplant. Das quadratische Haus verfügt im Inneren über einen großen Atriumsaal ohne Sicht nach außen. Von ihm gehen sämtliche Privaträume ab. Haus Ilse wurde zunächst als Gästehaus eines Unternehmens erbaut und später als Abfindung an den ehemaligen Direktor übergeben. Über zwei Generationen wurde das nie zu Wohnzwecken geplante Musterhaus als Familienwohnsitz genutzt. Wie es zu dem Nachbau kam, und ob die Bauherren jemals Kontakt zu Muche aufgenommen haben, ist unklar.

„Wie wertvoll ist Haus Ilse? Ist es zu Recht unter Denkmalschutz gestellt worden?“, fragte Anja Backhaus, Radio- und Fernsehmoderatorin, die unterhaltsam durch die Diskussion führte. Prof. Bernd Rudolf, Dekan der Fakultät für Architektur an der Bauhaus-Universität in Weimar, war seinerzeit an der Rekonstruktion des „Haus am Horn“ beteiligt und attestierte Haus Ilse zumindest: „Es hat den gleichen genetischen Code“. Allerdings sei die Auslegung in den Details weniger radikal. Insgesamt zeigten sich die Diskutanten überrascht, dass ein eigentlich unbewohnbares Musterhaus in Burbach zum Wohnhaus wurde. Das Urteil auf dem Podium: Es sei letztlich jedoch eher als kurioses Einzelstück denn als Zeitzeuge der Bauhaus-Ära heranzuziehen. 

Zuletzt ging es um ein Objekt, das es wirklich kein zweites Mal auf der Welt gibt: In Krefeld ließ der Textilunternehmensverbund VerSeidAG in den 1930er Jahren einen Industriegebäudekomplex von Ludwig Mies van der Rohe errichten. Die Gebäude tragen ganz eindeutig die Handschrift des Bauhauses und werden inzwischen von einem Investor als moderner Gewerbepark entwickelt. Aus Sicht der Diskutanten zeigt sich in diesem Beispiel besonders gut, warum Bauhaus-Architektur in ihrer Radikalität niemals unmodern sein kann.  „Die Bauten haben von der Fassade bis zur Fläche eine Nutzungsneutralität“, sagte Prof. Bernd Rudolf. „Funktional, rational, nicht auf Repräsentation ausgelegt“ seien die Gebäude, sagte Prof. Thorsten Scheer. All diese typischen Bauhaus-Attribute führten auch 80 Jahre später ganz offensichtlich noch dazu, dass das Gelände der VerSeidAG für Unternehmer attraktiv bliebe.

Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer NRW, erinnerte daran, dass noch ein weiterer Leitgedanke des Bauhauses gerade jetzt wieder aktuell ist. „Gropius hatte den Anspruch, die Lebensqualität der Menschen durch Bauwerke zu verbessern.“ Lebensqualität durch ausreichend Wohnraum sei auch heute wieder ein hochaktuelles Thema.

Zum Video der Veranstaltung

Autor: Vera Moselage