Sind Klimaaktivismus und Nachhaltigkeit weiblich? - Ein Kommentar von AKNW-Vizepräsidentin Katja Domschky

03. April 2025
Katja Domschky
Dipl.-Ing. Katja Domschky, Vizepräsidentin der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen - Foto: Anke Illing

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

passend zu dieser Ausgabe widme ich mich heute der Nachhaltigkeit – einem Thema, das nicht nur unsere gebaute Umwelt betrifft, sondern auch soziale Fragen aufwirft. Auch steht diese Ausgabe ganz im Zeichen des deutschlandweiten „WIA 25 Festivals“: Women in Architecture. Ein Zufall? Vielleicht. Doch eine provokante Frage drängt sich auf: Ist Nachhaltigkeit weiblich?
Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde. Doch wer kümmert sich darum? Wer kämpft für eine gerechte, ressourcenschonende Zukunft? Ein Blick in die Reihen der Klimaaktivist*innen zeigt ein klares Muster: Frauen sind überproportional vertreten. Was bedeutet das für unsere Branche, für die Architektur?
Ob Greta Thunberg, Luisa Neubauer oder Vandana Shiva – weltweit spielen Frauen eine Schlüsselrolle in der Klimabewegung. Studien belegen: Frauen zeigen ein stärkeres Umweltbewusstsein und treffen nachhaltigere Konsumentscheidungen. In der Architekturbranche ist das Bild jedoch ambivalenter. Obwohl sich viele Architektinnen für nachhaltige Bauweisen und soziale Gerechtigkeit einsetzen, sind sie in Entscheidungspositionen unterrepräsentiert. Können wir es uns leisten, diese Perspektiven zu ignorieren? Wie lange noch?
Nachhaltige Architektur bedeutet mehr als energieeffiziente Gebäude. Sie umfasst soziale, ökologische und ökonomische Verantwortung. Räume zu schaffen, die inklusiv, ressourcenschonend und anpassungsfähig sind, erfordert interdisziplinäres Denken und diverse Perspektiven. Doch genau hier liegen die strukturellen Hürden: Die Baubranche ist nach wie vor von traditionellen Machtstrukturen geprägt. Netzwerke, Fördermechanismen und Karrierewege begünstigen oft männliche Akteure. Frauen kämpfen mit Barrieren – sei es bei der Vergabe von Großprojekten, in der Hochschullehre oder in den Führungsetagen großer Architekturbüros.
Manchmal höre ich, dass Chancengleichheit ein gesellschaftliches und kein spezifisch architektonisches Thema sei. Doch genau das greift zu kurz: In unserer Branche bremsen vor allem Arbeitszeiten, Arbeitsethos und ein ausgeprägter Heldenkult die Frauen aus. Nachhaltiges Bauen bedeutet, diese Strukturen zu hinterfragen – nicht nur im Sinne ökologischer Verantwortung, sondern auch mit Blick auf soziale Gerechtigkeit.
Chancengleichheit ist keine Nebensache, sondern eine Voraussetzung für nachhaltiges Bauen. Die besten Lösungen entstehen dort, wo Vielfalt herrscht – sei es in der Planung, der Lehre oder der politischen Entscheidungsfindung. Um nachhaltige Architektur wirklich voranzubringen, müssen wir die strukturellen Hürden abbauen. Denn Nachhaltigkeit ist nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe.
Ist Nachhaltigkeit also weiblich? Nein – sie ist eine gemeinsame Verantwortung. Doch solange Frauen in der Architektur nicht die gleichen Chancen haben, bleibt ein entscheidender Teil des Potenzials ungenutzt. Wir müssen uns fragen: Wie schaffen wir eine Zukunft, in der Umwelt und Gesellschaft harmonisch koexistieren? Und vor allem: Wer gestaltet sie?
Unsere Aufgabe ist es, eingefahrene Strukturen zu beseitigen – beim Planen und Bauen ebenso wie bei der Chancengleichheit. Die Zukunft der Architektur liegt in der Komplexität, nicht in der Ausgrenzung. Sie liegt in unserer Fähigkeit, verschiedene Perspektiven zu integrieren.
Ich habe mit dem WIA-Festival begonnen – und damit möchte ich auch enden. 144 Akteurinnen und 264 Projekte bundesweit zeigen, wie relevant dieses Thema ist! Die Architektenkammer Nordrhein-Westfalen nimmt mit einer Auftaktveranstaltung im Baukunstarchiv NRW in Dortmund und einer Online-Konferenz teil. Sind Sie auch dabei? Ich freue mich auf den Austausch – persönlich oder digital!

Bis dahin grüßt Sie optimistisch
Ihre

Katja Domschky

Teilen via